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Ein besinnlicher Urlaub
- oder auch: Ein deutscher Nachbar (Vorschlag der Red.!)

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Raoul Kühn
Tavira/Portugal, www.arca-de-noe.de

www.info@arca-de-noe
Ein besinnlicher Urlaub - oder auch: Ein deutscher Nachbar (Vorschlag der Red.!)

Gerade in Portugal angekommen, machte ich es mir auf einem Liegestuhl auf der Terrasse vor dem Haus gemütlich. Da wurde ich jäh aus der Leichtigkeit meines Seins durch einen ohrenbetäubenden Lärm, der vom Nebengrundstück kam, aufgeschreckt. Mein deutscher Nachbar war auch in Portugal angekommen und verkündete nun seine Ankunft anstatt mit Trommeln und Posaunen mit dem Heulen von Elektrobohrer und Kreissäge.
Zum besseren Verständnis: Mein Nachbar war ein durchaus freundlicher, älterer Herr - alleinstehend und Architekt, dessen einziger Lebensinhalt das Bauen zu sein schien. Da jetzt im Ruhestand genügend finanzielle Mittel und Zeit zu Verfügung standen, konnte die strategisch exakt geplante Errichtung des deutschen Eigenheimes auf portugiesischem Boden beginnen - und zwar genau in meiner Urlaubszeit!

- Strategischer Plan - Punkt 1: Errichtung einer Gartenlaube
Unter den deutschen Grundstückseigentümern in Portugal war es in Mode gekommen, sich eine Holzgartenlaube zu bauen - für die brauchte man keine Baugenehmigung und sie konnte als provisorische Unterkunft dienen.
Großartige Sache! - Keine Behördengänge! - Keine Sprachprobleme! - Also, genau das Richtige für meinen Nachbarn.
Um allen Schwierigkeiten mit den "nicht ganz so qualifizierten" einheimischen Handwerkern aus dem Wege zu gehen, ließ er nicht nur das gesamte Holz und Material sondern auch gleich die komplette Baufirma aus Deutschland importieren. Und unter dem Motto "keine Kompromisse" entwickelte sich die sonst übliche Gartenlaube zum Schwarzwälder-Bauernhaus.
Die portugiesische Baubehörde staunte nicht schlecht über das massive Gartenhäuschen, das den Standard eines portugiesischen Wohnhauses bei weitem übertraf. Es bestand aus einem stabilen Holzfachwerk, stehend auf einer massiven Betonplatte, sowie aus doppelt verkleideten Holzwänden, gefüllt mit wärmedämmenden, ökologisch abbaubaren Isolationsstoffen und importierten deutschen Holzeinbaufenstern. Letztendlich musste sich die aufgebotene Schar portugiesischer Baubehördler, die einen Abriss wollten, geschlagen geben. Da es sich wohl, rein rechtlich im "aller"-weitesten Sinne doch eher um eine Holzgartenlaube als um ein genehmigungspflichtiges Steinhaus handelte.

- Strategischer Plan -: Punkt 2: Bau eines zur Gartenlaube passenden Hauses
Was im Kleinen funktioniert, so dachte sich mein Nachbar, funktioniert im Großen erst recht. Und so begann eines nachts die Invasion der Teutonen.
Wo anfangs ein LKW mit Material aus Deutschland ausgereicht hatte, war es jetzt, beim Bau des Wohnhauses, eine ganze Kolonne, die sich inklusive eines riesigen Bautrupps ihren Weg durch halb Europa gebahnt hatte.
Als Architekt für Großprojekte kannte mein Nachbar keine Gnade. Er ließ die Nacht zum Tag werden. Unter großen Scheinwerfern erstrahlte sein Grundstück im gleissenden Licht. So wurde tagsüber wie auch bei Dunkelheit gearbeitet. Es wimmelte von Bauarbeitern und mit den im Gebälk sitzenden Zimmerleuten sah das Haus wie ein zum Angriff bereites Piratenschiff aus einem "Erol Flynn - Fi1m" aus.
Gleichzeitig wurde zur Bekämpfung der sommerlichen Brandgefahr das gesamte Grundstück großflächig umgepflügt. Durch den aufgewirbelten, staubtrockenen Boden entstand, gefördert durch starke Windböen, daraus so etwas wie ein Sandsturm, der die umliegende Anwohnerschaft heimsuchte. So, dass die sich gezwungen sah, beim Verlassen des Hauses mit einem Tuch vor dem Mund, ähnlich wie Lawrenz von Arabien, herumzulaufen. Nebenbei gesagt, Sonnenöl und Erdstaub ergeben interessante Farbmuster auf Badehandtüchern.
So entstand ein zweistöckiges Fachwerkhaus mit einer Grundfläche (erster und zweiter Stock) von ca. 500 Quadratmetern in nur drei Wochen.

- Strategischer Plan - Punkt 3: Sicherung des neuerstellten Eigenheimes
Um dem "gemeinen portugiesischen" Einbrecher den Spaß zu verderben, musste das Haus professionell gesichert werden. Dies geschah mit Hilfe einer deutschen Firma für Sicherheitstechnik.
Es wurden zusätzliche Verrieglungen an den mit einbruchsicherem Glas versehenen Fenstern installiert. Die Türen bekamen spezielle Schlösser mit Horizontal- und Vertikalriegeln und extra gehärteten, einbruchsresistenten Stahlschließzylindern. Das Gesamtkunstwerk wurde durch ein hoch modernes Alarmsystem und eine Flutlichtanlage für den Außenbereich, die durch Bewegungsmelder ausgelöst wurde, vollendet.

Und es kam, wie es kommen musste: Nach einem Strandbesuch hatte mein Nachbar seinen extra gehärteten, einbruchsresistenten Stahlhaustürschlüssel verloren. Der Verzweiflung nahe, musste er sich schließlich einem portugiesischen Schlüsseldienstler anvertrauen. Dieser war beim lauschigen Klang der Alarmanlagensirene kaum in der Lage das extra gehärtete, einbruchsresistente Stahltürschloss zu überwinden. Er verschliss beinahe 20 "portugiesische" Metallbohrer, bevor er nach Stunden die Oberhand über das "deutsche" Türschloss gewann. Und da es Sonntag war, wurde mein Nachbar vielleicht nicht von der Qualität des portugiesischen Handwerkers, jedoch von seiner Hilfsbereitschaft überzeugt.

Jetzt habe ich nur von meinem Nachbarn und nicht von meinem Urlaub und der Leichtigkeit des Seins erzählt. Jedenfalls, als ich wieder zurück in Deutschland war, war ich froh. Und, wenn hier die Leute dem Perfektionismus frönen, kann es zwar auch nerven, aber es kommt einem nicht ganz so absurd vor.
Als kleinen Nachtrag muss ich erwähnen, dass man natürlich ein halbes Jahr später bei meinem deutschen Nachbarn in Portugal eingebrochen hat. Die Einbrecher haben einfach neben der einbruchssicheren Tür ein Loch in die Holzwand des Fachwerkhauses gesägt. Na ja - wer ein so schönes Haus baut, der braucht sich auch nicht zu wundern, wenn jemand mal nachsehen will, ob es innen genauso schön eingerichtet ist.

P.S. Diese Geschichte ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und Orten sind rein zufällig. RK

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